Nahaufnahme Klimaschutz
Juli 2017

André Wüste, Klimaschutzmanager der Stadt Merseburg

Als Klimaschutzmanager muss man auf die Bürgerinnen und Bürger zugehen und Präsenz zeigen, so die Erfahrung von André Wüste. Er ist als Klimaschutzmanager in der Stadt Merseburg tätig und besucht regelmäßig ganz unterschiedliche Veranstaltungen, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen.
Zitat
„Klimaschutz ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Getreu dem Motto ‚Global denken, lokal handeln’ spielen Kommunen beim Klimaschutz eine entscheidende Rolle. Klimaschutz sollte deshalb keine freiwillige Aufgabe mehr sein, sondern zu einer Pflichtaufgabe mit entsprechender Unterstützung für Kommunen erhoben werden.“

SK:KK: Zu Ihren Aufgaben als Klimaschutzmanager in Merseburg zählt unter anderem der Aufbau eines Energiemanagement- und Controllingsystems. Welches sind die Herausforderungen dabei?

André Wüste: Die Stadtverwaltung Merseburg hat circa 100 Liegenschaften. Bisher gab es fast keine systematische und einheitliche Dokumentation über die Energieverbräuche der städtischen Gebäude. Die Sammlung der Verbrauchsdaten der letzten Jahre und deren Zusammenfassung in einem einheitlichen System gestaltete sich sehr aufwändig. Zudem lagen nicht für alle Gebäude vollständige Daten der vergangenen Jahre vor. Ein wichtiger Schritt bei der Einführung eines Controllingsystems ist unter anderem die Festlegung von Informationsflüssen und die Definition von Zuständigkeiten. Nur mit effizienten Kommunikationswegen ist es möglich, eine reibungsfreie Datenbeschaffung zu garantieren. Es erfordert auch eine genaue Kenntnis der Gebäude und Nutzungsstrukturen, um Verbrauchsentwicklungen richtig interpretieren und gezielte Maßnahmen ableiten zu können. Für einige ausgewählte Gebäude führen wir deshalb eine monatliche oder gar wöchentliche Verbrauchserfassung durch. Dies betrifft vor allem die energetisch sanierten Gebäude der Stadt. Auf diese Weise können wir eine genaue Soll-Ist-Analyse der Energieverbräuche durchführen und Optimierungsmaßnahmen beim Heizsystem einleiten.

SK:KK: Merseburg hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil Erneuerbarer Energien zu erhöhen. Wie ist die Stadt in diesem Bereich aufgestellt?

André Wüste: In Merseburg ist das gesamte Spektrum an Erneuerbaren Energien vertreten. So erzeugt zum Beispiel ein Wasserkraftwerk an der Saale jedes Jahr so viel elektrischen Strom, um den Bedarf von circa 1.000 Haushalten abzudecken. Außerdem gibt es im Stadtgebiet zwei Windkraftanlagen und in der zu Merseburg gehörenden Ortschaft Beuna zwei Biogasanlagen, die durch ein Landwirtschaftsunternehmen betrieben werden. Auch zwei Blockheizkraftwerke speisen Strom in das öffentliche Netz ein und die dabei entstehende Abwärme wird zum Heizen der landwirtschaftlichen Gebäude genutzt. Eine entscheidende Rolle spielt zudem Solarenergie. So werden zum Beispiel auf den Dächern des Landwirtschaftsbetriebes rund eine Million Kilowattstunden Sonnenstrom pro Jahr durch eine Photovoltaikanlage gewonnen. Des Weiteren existieren in Merseburg vier größere Solarparks, die ausschließlich auf Konversionsflächen errichtet wurden. Und auch die Stadtverwaltung Merseburg selbst betreibt je eine Photovoltaikanlage auf dem Verwaltungsgebäude und auf einer Kindertagesstätte.

SK:KK: Auf welchen Formen Erneuerbarer Energien soll beim Ausbau der Schwerpunkt liegen?

André Wüste: Aus Sicht der Stadtverwaltung liegt der Fokus beim Ausbau der Erneuerbaren Energien auf der Solaranergie. Dazu habe ich eine Liste mit kommunalen Dächern und relevanten Parametern erstellt, die für die Installation und den Betrieb von Photovoltaikanlagen in Betracht kommen. Die darin enthaltenen Liegenschaften sollen zukünftig für den Betrieb von Photovoltaikanlagen vorbereitet und genutzt werden. Sie bieten ein erhebliches Potenzial für die Nutzung von Solarstrom, verbunden mit einer potenziellen CO2-Einsparung von etwa 730 Tonnen pro Jahr. Konkret sollen kurzfristig zwei weitere Photovoltaikanlagen auf einer Grundschule und auf einer Kindertagesstätte installiert werden.

SK:KK: Sie nutzen regelmäßig Veranstaltungen, etwa den „Tag des Buches“ oder die Hochschultage, um für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Wie groß ist das Interesse etwa von Studentinnen und Studenten oder anderen Teilnehmenden, sich mit dem Thema Klimaschutz auseinanderzusetzen?

André Wüste: Die Erfahrungen sind da ganz unterschiedlich. Im Februar habe ich gemeinsam mit einem Energieberater einen Thermografie-Spaziergang in Merseburg durchgeführt. Leider war der Zuspruch nicht so hoch wie erhofft. Allerdings gab es bei den wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein sehr großes Interesse an der Methode der Thermografie und eine rege Diskussion über Möglichkeiten der Gebäudedämmung und Energieeinsparung.

Positive Erfahrungen habe ich gemacht, indem ich mich als Klimaschutzmanager an ohnehin stattfindenden öffentlichen Veranstaltungen beteilige und Präsenz zeige – etwa beim Tag der offenen Türen oder am „Tag des Buches“ in der Stadtbibliothek. Diese Veranstaltungen erleichtern den Zugang zu den Bürgerinnen und Bürgern und ermöglichen persönliche Gespräche und Diskussionen.

Durch die Kooperation mit der Hochschule Merseburg haben wir beispielsweise Studierende im Rahmen von Projektarbeiten zur Erarbeitung von Einsparpotenzialen und Energieeffizienzmaßnahmen für drei Merseburger Grundschulen eingebunden.

SK:KK: Erfolgreicher Klimaschutz benötigt viele Akteure. Wie gelingt es aus Ihrer Erfahrung heraus besonders gut, die Bürgerinnen und Bürger aber auch Unternehmen für den Klimaschutz zu interessieren und zu mobilisieren?

André Wüste: Wichtig ist es, dass man als Klimaschutzmanager selbst auf die Bürgerinnen und Bürger zugeht und Präsenz zeigt. Dies kann in der Presse oder im Lokalfernsehen sein. Viel wichtiger aber ist der unmittelbare Kontakt auf Veranstaltungen. Ich verweise in Gesprächen oft auf positive Beispiele und zeige persönliche Vorteile – wie Kostenersparnisse – auf und dass Klimaschutz auch Spaß machen kann. Zudem empfehle ich die kostenlosen Energieberatungen, die regelmäßig von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt in Merseburg angeboten werden.

SK:KK: Klimaschutz fängt in Merseburg schon bei den Jüngsten an. Mit welchen Maßnahmen werden bereits Kinder für den Klimaschutz sensibilisiert?

André Wüste: Das Thema Klimaschutz insbesondere jungen Menschen beziehungsweise Schülerinnen und Schülern näher zu bringen, sehe ich als eine besonders wichtige Aufgabe an. Denn an den Schulen werden die Akteure und Entscheider von morgen ausgebildet. Dazu haben meine Vorgängerin und ich regelmäßige Umweltprojekttage an Merseburger Grundschulen durchgeführt. Beim letzten Umweltprojekttag konnten die Schülerinnen und Schüler als Energiedetektive „Energiesünden“ in ihrer Grundschule aufdecken. Außerdem konnten sie mit einem umgebauten Fahrrad selbst Strom produzieren und damit elektrische Geräte betreiben. Zudem hatte ich Vertreter der Meeresschutzorganisation „Sea Shepherd“ eingeladen, die den Schülerinnen und Schülern die Problematik der Meeresverschmutzung spielerisch näher brachten. Beim nächsten Umweltprojekttag werde ich mit den Schülerinnen und Schülern Milchshakes mit Solarenergie herstellen.

Wichtig bei der Arbeit in Schulen ist auch die Einbindung der Lehrerinnen und Lehrer, sodass diese auch eine Vorbildrolle beim Thema Klimaschutz übernehmen. Dazu habe ich in den Merseburger Grundschulen Schulungen für Lehrende durchgeführt, Energiespartipps gegeben und entsprechendes Lehrmaterial organisiert.

  • Photovoltaikanlage Verwaltungsgebäude Stadt Merseburg
    © André Wüste
  • Umweltprojekttage an einer Grundschule
    © André Wüste
Porträt
Name

André Wüste

Ausbildung

Dipl.-Geograph

Kontaktdaten

Stadtverwaltung Merseburg
Lauchstädter Straße 1-3
06217 Merseburg
klimaschutz@merseburg.de
Tel: 03461 445-265

Bundesland

Sachsen-Anhalt

Verwaltungsbezirk

Stadt Merseburg

Einwohnerzahl und Größe des Bezirks

Ca. 36.500 Einwohner

54,71 km²

Meine Verortung in der Kommune

Gebäude- und Liegenschaftsamt

Ich bin Klimaschutzmanager für...

… die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes der Stadt Merseburg.

Projektlaufzeit

01.06.2014 bis 31.12.2015 / 01.06.2016 bis 30.11.2017

Highlights der vergangenen Monate

Aufbau eines kommunalen Energiemanagements

Erstellung einer kommunalen Solardachliste

Energieberatungen für Bürgerinnen und Bürger in Kooperation mit der Verbraucherzentrale SachsenAnhalt

Umweltprojekttage an Grundschulen

Energieberatung für Lehrerinnen und Lehrer

ThermografieSpaziergang

Infostände, zum Beispiel beim „Tag des Buches“, Hochschultag

Exkursion zur ersten Passivhaus-Schule Sachsen-Anhalts für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung

Lauchstädter Straße 1-3
Merseburg
06217
11.9924910
51.3544770
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